Das Fernstudium boomt, aber nicht jeder, der damit beginnt, bringt es auch zum Abschluss. Genau hier setzt ein neues Forschungsprojekt an, das zwei der größten Anbieter von Fernstudiengängen in Deutschland zusammenbringt: die IU Internationale Hochschule und die FernUniversität in Hagen. Im Verbundprojekt TiDE – kurz für „Transition into Distance Education“ – untersuchen sie erstmals gemeinsam, was den Einstieg ins Fernstudium so schwierig macht und welche Bedingungen Studierende brauchen, um erfolgreich durchzustarten.
Das Problem: Die ersten Monate entscheiden über alles
Seit 2006 hat sich die Zahl der Fernstudierenden in Deutschland laut Statistischem Bundesamt fast vervierfacht: Auf heute über 250.000, was rund neun Prozent aller Studierenden entspricht. Doch ein erheblicher Teil von ihnen schafft den Abschluss nicht. Rund elf Prozent aller Studienanfänger brechen ihr Studium innerhalb der ersten drei Semester wieder ab.
Besonders betroffen sind Menschen, die neben dem Studium noch andere Verpflichtungen haben und das ist im Fernstudium die Regel, nicht die Ausnahme. Rund 63 Prozent der Studierenden in Deutschland sind während des Studiums berufstätig, etwa acht Prozent haben Kinder oder andere familiäre Verantwortung. Wer unter diesen Bedingungen studiert, steht gerade am Anfang vor einer enormen organisatorischen Herausforderung: Wie teile ich meine Zeit ein? Wie lerne ich eigenständig, ohne den Takt eines Stundenplans oder den sozialen Halt eines Campus?
Was TiDE untersucht
Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Projekt TiDE nimmt genau diese Studieneingangsphase unter die Lupe – und das erstmals im direkten Vergleich zwischen einer staatlichen und einer privaten Fernhochschule. Auf der einen Seite die FernUniversität Hagen als einzige staatliche Fernuniversität Deutschlands, auf der anderen Seite die IU Internationale Hochschule als private Hochschule mit ebenso über 80.000 Fernstudierenden.
Im Kern geht es um drei Fragen: Was erleben Fernstudierende in den ersten Wochen und Monaten als besonders belastend? Welche Kompetenzen und Rahmenbedingungen brauchen sie, um diese Phase erfolgreich zu meistern? Und unterscheiden sich diese Erfahrungen zwischen staatlichen und privaten Hochschulen – und wenn ja, wie?
Projektleiterin Prof. Dr. Caroline Trautwein von der IU bringt das Erkenntnisinteresse auf den Punkt: Bisher fehlen systematische Befunde dazu, wie Studierende den Einstieg ins Fernstudium erleben. Besonders im Vergleich zwischen unterschiedlichen Hochschultypen. Das soll TiDE ändern.
Konkrete Handlungsempfehlungen als Ziel
Das Projekt beschränkt sich nicht auf Grundlagenforschung. Aus den Erkenntnissen sollen direkt praxistaugliche Empfehlungen entstehen – für Hochschulen, die ihre Unterstützungsangebote in der Eingangsphase verbessern wollen. Prof. Dr. Michael Hast, ebenfalls von der IU beteiligt, hebt hervor: Hochschulen sollen künftig besser in der Lage sein, Studierende beim Einstieg zu begleiten, unabhängig davon, ob es sich um eine staatliche oder private Einrichtung handelt.
Dr. Sabrina Schaper, die das Teilprojekt an der FernUniversität Hagen leitet, ergänzt eine wichtige Perspektive: Besonders Studierende mit nicht-traditionellen Bildungsbiografien sind im Fernstudium überproportional häufig vertreten. Zu verstehen, wie gerade diese Gruppe den Einstieg erlebt und wie digitale Lernformate dabei helfen oder hemmen können, ist ein zentrales Anliegen des Projekts.
Erste Ergebnisse wurden bereits vorgestellt
Ende Februar 2026 fand am IU Campus in Köln die TiDE-Arbeitstagung statt, bei der erste Projektergebnisse und praktische Handlungsimpulse vorgestellt wurden. Die Veranstaltung richtete sich an Forschende, Lehrende und Hochschulverantwortliche, die sich mit dem Thema Studieneinstieg im Fernstudium beschäftigen.
